Hochtour Rheinwaldhorn
Eine absolute Top-Panoramalage der Schweizer Alpen, von der aus man mit etwas Glück bei gutem Wetter beinahe die gesamte Schweiz überblicken kann – mit solchen Superlativen wird das Rheinwaldhorn landauf, landab beschrieben. Grund genug, diesem Gipfel einen Besuch abzustatten, auch wenn sich die Anreise über das Bündner Oberland und den Lukmanierpass etwas hinzieht.
Als höchster Gipfel der Adula-Alpen und zugleich höchste Erhebung des Kantons Tessin trägt der Berg gleich zwei Namen – nördlich der Alpen ist er unter seinem deutschen Namen Rheinwaldhorn bekannt, während er südlich davon längst unter dem klangvolleren „Adula“ firmiert, einem Namen, den schon die Römer für dieses Gebirge verwendeten. Dass die Adula bereits 1789 im Alleingang von einem Pater erstbestiegen wurde und damit eine der ersten nachweisbaren Besteigungen eines 3000 Meter hohen Berges in den Alpen gelang, mag als Beleg dafür dienen, dass der Berg schon damals eine besondere Anziehungskraft besaß.
Nach knapp 4,5-stündiger Anreise nahmen wir vom Lago di Luzzone aus den Aufstieg zur Capanna Adula UTOE in Angriff, jener 2393 Meter hoch gelegenen Hütte, die der Tessiner Arbeiter-Alpinverein (UTOE) mit Sitz in Bellinzona bereits anno 1923 erbaute und die 380 Höhenmeter über ihrer gleichnamigen SAC-Schwesterhütte liegt. Bei kurzer Pause und gemütlichem Gehtempo erreichten wir die Hütte gegen 15 Uhr und ließen die restliche Zeit bis zum Abendessen auf der sonnigen Hüttenterrasse verstreichen.
Der zweite Tag stand ganz im Zeichen unserer geplanten Überschreitung. Der Hüttenwirt hatte uns bereits über eine heikle Stelle im Abstieg am Adulajoch informiert – dennoch wollten wir das Vorhaben wagen.
Kurz nach Sonnenaufgang und bei stabiler Wettervorhersage ging es zunächst in südöstlicher Richtung zum Laghetto dei Cadabi, in dem sich unser weiterer Aufstiegsweg wunderschön spiegelte. Hier verließen wir den markierten Wanderweg und folgten den sichtbaren Trittspuren zum Einstieg in den Westgrat, auch bekannt als Via Malvaglia. Spärliche Markierungen helfen dabei, den logischen Weg durch das Blockgelände zu finden.
In schöner, aber leichter Kraxelei geht es dann gänzlich ohne Schnee- oder Eiskontakt auf die Schulter des Rheinwaldhorns. Die Schlüsselstelle ist durch eine Kette entschärft, sodass wir problemlos den Gipfelgrat erreichten. Hier war dann nochmals Konzentration und sicheres Steigen in ausgesetztem Gelände gefragt. Um 10 Uhr standen wir schließlich am Gipfel. Leider war die Bewölkung so dicht, dass wir bereits Mühe hatten, die unmittelbar benachbarten Gipfel auszumachen – von der viel gepriesenen Rundumsicht blieb an diesem Tag also herzlich wenig übrig.
Unser geplanter Abstieg über den Vadrecc di Brasciana Gletscher wird mittlerweile im Spätsommer offenbar nur noch selten begangen. Im Gegensatz zum Aufstieg über den Grat waren wir hier den gesamten Abstieg allein. Vom Gipfel geht es dabei über den Nordgrat zunächst steil, aber in gutmütigem Gelände hinunter zur Adulascharte.
Der Übergang dort auf den aperen Gletscher gestaltete sich tatsächlich als etwas heikel: Brüchiger Fels, ein Bergschrund und recht steiles Eis galten es zu überwinden. Sicherungsmöglichkeiten (per Felsblock bzw. Eisschraube) waren jedoch gut vorhanden, sodass wir diese heiklen Stellen mit einem kurzen Geländerseil plus Fixseil gut überwinden konnten.
Der restliche Abstieg über den teilweise etwas spaltigen, nun aber wenig steilen Gletscher und die anschließenden Gletscherschliffplatten stellten kein Hindernis mehr dar. Gut sichtbare Wegspuren leiteten uns schließlich zurück zur Hütte, die wir gegen 14:30 Uhr erreichten.
Am dritten Tag stiegen wir bei bestem Wetter auf demselben Weg, den wir gekommen waren, durch das Val Carassino wieder zum Lago di Luzzone ab. Gegen 14:15 Uhr trafen wir wieder wohlbehalten an unserem Ausgangspunkt in Mindelheim ein.
Die versprochene Fernsicht bis an die Landesgrenzen blieb uns an diesem (verlängerten) Wochenende verwehrt – dafür nehmen wir die Gewissheit mit, dass sich ein Gipfel auch ganz ohne Postkartenpanorama lohnt, wenn Fels und Eis auf so abwechslungsreiche Weise zusammenspielen.
Bilder: Hans, Martin, Johannes
Bericht: Johannes Götzfried












