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Carros de Foc - der "Feuerwagen" in den Zentralpyrenäen

Bergwandertour vom 06.07. bis 13.07.2019


Reisedaten:  Samstag, 06.07.2019, Mindelheim - München - Barcelona - Espot
                       Samstag, 13.07.2019, Espot - Barcelona - München - Mindelheim
Teilnehmer:  Rudi und Waldtraut Engel, Lisa Stadler, Petra Penschow, Stefan Oschmann,
                       Günther Maute, Sonja Ross                  
Tourguide:    Rudi Engel
Tourdaten:   8 Trekkingtage (inkl. An- und Abreise)         
                      7 Übernachtungen
                      Strecke in Kilometern: 83,60
                      Gehzeit in Stunden: 51,75 (inkl. Pausen und Gipfel)
                      Höhenmeter: 9679 (durchschnittlich Faktor 3 für 100 Höhenmeter absolut)

 


Der Parc Nacional d'Aigüestortes i Estany de Sant Maurici (Nationalpark der sich schlängelnden Flüsse und der Seen von Sant Maurici) umfasst heute in seiner Kernzone die beiden Parks d'Aigüestortes und Estany St. Maurici in einer Flächenausdehnung von etwa 14.000 Hektar. Der Park wurde seit 1955 kontinuierlich erweitert, zuletzt 1996 um eine periphere Schutzzone, die seine Ausdehnung auf nunmehr 40.000 Hektar ergänzt, um das Vordringen von Umwelteinflüssen auf die Kernzonen komplett einzudämmen. Durch Zusammendriften der eurasischen und iberischen sowie im späteren Verlauf der eurasischen und afrikanischen Kontinentalplatten, formte sich ein Labyrinth von Bergen und Tälern, geprägt von 4 eiszeitlichen Perioden, in denen die Gletscherzungen tief in die 7 Täler hinab reichten und dem Gebiet die vorherrschenden Charakteristika verliehen: dass massive und geschliffene Granitgestein, hervorgebracht aus den Tiefen der Erde, von heller Farbe und durchsetzt mit Mineralien, dichte und uralte Kiefernwälder mit Prachtexemplaren bis zu 40 m Höhe, die bis auf 2300/2400 m über dem Meeresspiegel anzutreffen sind, üppige Wiesen und Weiden, an denen sich in der Nähe der Almen Kühe, Pferde, Schafe und Ziegen gütlich tun. Sie gehen in höheren Lagen in kleine grüne Inseln über und weisen eine beeindruckende Vielfalt von Gebirgsflora auf. Und schließlich das Wasser, immer wieder das Wasser in all seinen Facetten. Wasserfälle und -kaskaden,  mäandernde kleine Flüsse, große und kleine Seen, oftmals über die Flussläufe und Bäche verbunden, unterschiedlich in ihren Farben, manchmal tiefblau, dann wieder eher türkisfarben oder bräunlich, immer aber kräftig leuchtend, manche von ihnen bis zu 60/70 Meter, andere wiederum nur bis zu 10 Meter tief. Beeindruckend sind die Seenplatten, die den Wanderer einladend begleiten.  So haben wir auf unserer Tour die vielen nah beieinander liegenden Seen des Circ de Colomèrs von allen Seiten betrachten können. Die Blicke hafteten am Panorama und schweiften von den Gipfeln über die bewaldeten Hänge zu den freundlich,  still und glatt daliegenden Gewässern. Eine Welt, die es scheinbar so immer schon gegeben hat.

Im Nationalparkführer sind 25 Wege beschrieben, die sich, in der Regel ausgehend von einem festen Bezugspunkt wie eine Hütte oder ein Wanderparkplatz, einer bestimmten Gegend und ihrer Naturschönheiten widmen. Die längeren Pyrenäentrails GR-11, GR 11-18 (North Trail) und GR 11-20 (South Trail) sind mit jeweils durchschnittlich 3 Tagen Gehzeit ausgewiesen.

Der Carros de Foc hebt sich davon in Charakteristik und Herausforderung ab. Die Idee, diesen Weg vorzubereiten und zu begehen, entstand im Sommer 1987, als einige der Hüttenbediensteten beschlossen, die beiden Teilabschnitte des Parks (d'Aigüestortes und Estany St. Maurici) zu umrunden und dabei in den anderen Unterkünften Höflichkeitsbesuche abzustatten. Die Idee war, diese Strecke an einem Tag zu bewältigen. Wer damit begonnen hat und wie viele Teilabschnitte damit gemeint waren, wissen wir nicht. Mittlerweile ist dieser Weg aber zum Klassiker der Pyrenäen avanciert.  Er vernetzt 9 Unterkünfte und hat nicht nur die Besonderheit der Umrundung der Park-Kernzonen, sondern eben auch die Herausforderung, dass die Streckenabschnitte nicht den Talläufen folgen,  sondern die Täler von oben über die jeweiligen Traversen betreten. Diese Scharten liegen in durchschnittlich 2300 - 2700 m Höhe. Damit folgt in der Regel einem 2-3 stündigem Aufstieg ein 2-3 stündiger Abstieg auf der anderen Seite. Die Landschaft ist in ihren verschiedenen Höhenprofilen dramatisch schön und erlebnisreich. Der Ausblick immer grandios. Die Hütten sind gut besucht, in der Regel eng, aber sauber und allesamt sehr gut organisiert. Das Essen ist bezogen auf Berghüttenverhältnisse überdurchschnittlich gut. Eine frühzeitige Buchung ist wegen der starken Frequentierung unabdingbar. Die Zeitangaben für die Streckenabschnitte sind sportlich, um nicht zu sagen für den Normalgeher unangemessen. Mit gutem Willen kann man interpretieren, dass damit die reinen Bewegungszeiten und als Zielgruppe eben eher die Skyrunner mit leichtem Gepäck gemeint sind.

 

 

1. Tag:   Etappenziel Refugi d'Amtiges, 2366 m. Wir gehen über das Vall d'Espot in
              den Naturpark. Startpunkt Parkplatz Prat de Pierró, 15.15 Uhr,
              Höhenmeter zu gehen: 1173 über 10,1 km

Der Weg folgt zunächst einem romantischen Waldweg mit Lehrpfad zur Flora, Fauna und Legendenbildung der Gegend. Wir passieren die Sant Maurici Kapelle, um die sich die bekannte Legende der Els Encantats (die Verwunschenen) rankt: Zwei Gämsenjäger machen sich über eine religiöse Zeremonie lustig, die gerade in der Kapelle stattfindet. Plötzlich entdecken die Jäger die größte und schönste Gams, die sie je gesehen haben. Sie folgen ihr bis in das hohe Felsmassiv, wo die Gämse spurlos verschwindet. Da fährt ein Blitz nieder und die beiden Jäger werden in die beiden spitzen Türme des Felsmassivs Els Encantats verwandelt. Wir dagegen können ohne Verwünschung weiterhin einer wunderschönen  Ebene mit Flusslauf folgen bis der Weg zunehmend alpiner wird und ansteigt. Vorbei an den ersten Seen bekommen wir bereits am ersten Tag die beeindruckende Flora vorgeführt: wir passieren Alpenrosen, Arnika, blaue Natternköpfe, Steinnelken, Taglilien, den Türkenbund und Hundsrosen. Die nachmittägliche Hitze ist beträchtlich (in Espot hatte es noch 36 Grad) und der Umstand, dass wir bereits um 2 Uhr morgens unseren Tag beginnen mussten, macht sich jetzt bemerkbar. Gerade noch rechtzeitig schaffen wir es zum Abendessen, das auf allen Hütten pünktlich um 19.00 Uhr serviert wird.
Menüfolge: Gemüsesuppe, Kichererbsengemüse, Lamm mit Süßkartoffelpürée, gemischtes Obst
 

2. Tag:   Etappenziel Refugi de Colomers, 2138 m, Startzeit 8.15 Uhr,
              Höhenmeter zu gehen: 1344 über 12,2 km

So langsam gewöhnen wir uns an den Rhythmus und das stetige Auf- und Ab der schmalen, steinernen und wurzeldurchwachsenen alpinen Pfade. Das Wetter ist angenehm warm, sonnig und immer begleitet von leichten und angenehmen Luftzügen. Wir machen an dem kleinen, sehr beschaulichen und hübsch gelegenen Refugi de Saboredo auf 2299 m Mittagsrast mit köstlichen spanischen Oliven und Mitgebrachtem. Wir lassen den Tag eher geruhsam angehen, passieren narzissenblütige Windröschen (bzw. Alpen-Berghähnlein) und ein paar wunderschöne Seen, von denen wir kurz vor unserem Etappenziel einen idyllischen kleinen auswählen, um ein erfrischendes Bad in der Nachmittagshitze zu nehmen.
Menüfolge: Gemüse-/Nudelsuppe, Linsengemüse, Salatplatte, Forellen gedünstet, Crème Chocolate
 

3. Tag:   Etappenziel Refugi Juan Ventosa i Cavell, 2215 m, Startzeit 8.15 Uhr,
              Höhenmeter zu gehen: 1486 über 11 km

Die Wettervorhersagen verschlechterten sich. Wir gehen über den Port de Caldes o de Colomers noch 2 Stunden in Richtung Refugi Restanca, biegen dann aber am Port de Rius nach Süden in Richtung unseres Etappenziels ab. Wir durchqueren eine wunderschöne Seen- und Sumpflandschaft, entdecken Fettkraut, Alpenrosen, gelben Türkenbund und Grasnelken. Lange vor der Hütte schon begleiten uns die massigen, freundlichen Kühe und ihre Hinterlassenschaften. Eine bedrohlich schwarz-grollende Wetterfront begleitet uns stetig von Süden her. Es wird zunehmend windig. Aber wir haben Glück: außer zwei kurzen Schauern, die wir regengeschützt kaum spüren, bleiben wir trocken. Wir sind frühzeitig am Etappenziel, so dass neben den hygienischen Maßnahmen noch ausreichend Zeit für mehrere Partien Mensch-ärgere-dich-nicht in der katalanischen Ausprägung bleibt. Für den nächsten Tag ist starker Regen und Temperaturabfall angesagt. Die Hütte hat bei einer Kapazität von etwa 50 Personen nur einen Schlafsaal. Nachts regnet es in Strömen.
Menüfolge: Gemüsesuppe, Salatplatte, Spanferkel am Bein mit geschälten Paprika und scharf gewürztem Erbsen-/Kartoffelpürée, Honigmelone
 

4. Tag:   Etappenziel Refugi d'Estany Llong, 1985 m, Startzeit 8.00 Uhr,
              Höhenmeter zu gehen: 743 über 10,8 km

Ohne es zu wissen, beginnen wir die schwierigste Etappe unseres Treks.  Nachdem es in der Nacht durchgehend und stark geregnet hat, ist es zur Aufbruchszeit glücklicherweise nur bewölkt und etwa auf 14 Grad abgekühlt. Zunächst geht es eine gute Stunde durch nasses und von Tümpeln durchsetztes Gelände bergab. Der Pfad mit Granitsteinen ist allerdings sehr griffig, so dass die größere Gefahr die aufgequollenen Kuhfladen und die großen Tümpel sind, in die hineinzutreten tunlichst vermieden werden sollte. Die Landschaft wirkt verlassen und verwunschen, wir sehen den Fingerhut und große Flecken mit grün-saftigen Farnen. Dann steigt der Weg an und geht über in schwieriges Gelände aus Blockgestein. Die Wegmarkierungen sind entweder Steinmännchen, oder, besser sichtbar, gelb markierte Holzpflöcke, die in unregelmäßigen Abständen in die Felsen verankert sind. Auf diesem großflächig-unregelmäßigen Blockgestein gehen wir knapp 3 Stunden steil nach oben. Am Collet de Contraix ist die Scharte erreicht.  Witterungsbedingt gönnen wir uns nur eine kurze Pause und beginnen den Abstieg, der wieder über das Blockgestein die etwa gleiche Strecke nach unten führt. Die Kurzbeinigen unter uns wünschen sich vorübergehend ein anderes Format, aber die gute Nachricht ist, dass die Wolken zwar tief hängen, wir aber nur zwei etwa jeweils einstündige Schauer auf dem ganzen Weg haben. Nicht auszudenken, wenn es geschüttet oder uns die Sonne wie Spiegeleier auf den glatten Fels gebrannt hätte.
Menüfolge: Gemüsesuppe, Salatplatte mit Tunfisch, Platte von gekochten Würsten mit Kartoffeln und Gemüse, gemischtes Obst              

           

5. Tag:   Etappenziel Refugi de la Colomina, 2420 m, Startzeit 8.00 Uhr,
              Höhenmeter zu gehen: 1999 über 14,2 km

Bereits seit dem Wendepunkt, dem Port de Rius, verläuft unsere Route in südlicher Richtung. Das Wetter wird wieder deutlich freundlicher, es ist sonnig und warm, mit der typischen leichten Brise. Die Etappe ist geprägt von landschaftlicher Harmonie und weichgezeichneter Schönheit. Auf den abwechslungsreichen Wegen begleiten uns blühende Himbeersträucher, Kohlröschen und Läusekraut. Diese Etappe zeigt am deutlichsten, dass die Gegend früher auch kommerziell genutzt wurde. Die größeren Seen sind gestaut, ein aufgelassenes Schienensystem für Loren zum Steinbruch und Bergbau begleitet uns eine ganze Weile zum Ref. de la Colomina. Das reichlich mineralhaltige Gestein wurde früher gerade auch in der peripheren Zone intensiv gebrochen und abtransportiert. Weiter unten sind aber auch Seenflächen zu sehen, die sich gerade wieder in der Re-Naturierung befinden. Bartgeier schweben in 10 m Höhe über uns - es ist ein herrlicher Tag und ein wunderbarer Streckenabschnitt. Die Gipfelstürmer Rudi, Waldtraut, Lisa, Petra, Stefan und Günter nehmen als Extrameile den Pic de Dellui (2802 m).
Menüfolge: Gemüse-/Nudelsuppe, Salatplatte, Eintopf mit dünn geschnittenen Schweinefleischscheibchen, Kartoffeln und Auberginen, Apfelgrießcrème
 

6. Tag:   Etappenziel Refugi Josep Maria Blanc, 2318 m, Startzeit 8.00 Uhr,
              Höhenmeter zu gehen: 1383 über 9,3 km

Die Unterkunft J.M. Blanc gehört zu den landschaftlich spektakulärsten Örtlichkeiten der Route. Sie ist inmitten eines  Sees gelegen, umgeben von weiteren kleinen Inselchen mit urigem Kiefernbewuchs. Die Seen sind teilweise gestaut und fließen in optisch fast schon irreal anmutenden Stufen auf die nächstniedrig gelegenen Ebenen. Leider kann die Bewirtschaftung der Unterkunft dem Ambiente  nicht das Wasser reichen. Die Hütte liegt nicht direkt auf unserer Strecke, zum nächsten Etappenziel werden wir dann wieder ca. eine Stunde bis zur Abzweigung zurückgehen müssen, das Naturschauspiel lohnt dies aber allemal. Auf die zu bewältigende Scharte führt ein steiler, teilweise mit Stein- und Betonstufen unterstützter Anstieg. Wir sehen Küchenschellen, in dieser Gegend in gelber Farbe. Die Gipfelstürmer nehmen auf dem Weg den Pic de Saburó (2906) und kurz vor Ende des Etappenziels nehmen wir wieder ein erfrischendes Bad in einem der herrlichen Seen.
Menüfolge: Fleisch-/Nudelsuppe, Salatteller, Fleischbällchen in Gemüse, Wassermelone
 

7. Tag:   Etappenziel Refugi Sant Maurici Ernest Mallafré, 1893 m, Startzeit 8.00 Uhr
              Höhenmeter zu gehen: 1515 über 11,8 km

Wir gehen die eine Stunde bis zur Abzweigung wieder zurück, dann geht es steil hoch zur Scharte Coll de Monestero auf ca. 2700 m. Das Wetter ist unverändert wunderschön, warm, sonnig mit leichter Brise. Sagenhafte acht Bartgeier mit teilweise beträchtlicher Flügelspannbreite schweben über den nahe gelegenen Gipfeln Pic de Peguera und Pic de Monestero. Angespornt von dieser Leichtigkeit nehmen die Gipfelstürmer den Pic de Monestero (2877 m) und sehen die beeindruckenden Tiere über ihren Köpfen zum Greifen nah. Nach kurzer Pause geht es wieder von der Scharte aus über zwei Höhenstufen etwa 500 m steil bergab. Die erste Etappe verläuft wieder über schon bekanntes Blockgestein, die nächste Stufe steil über kleinteiliges Schotter- und Sandmaterial. Der Abstieg erfordert volle Konzentration. Auch das darauf folgende alpine Wegstück ist sehr steil und verläuft sich windend über hohe Stein- und Wurzelstufen nach unten. Insgesamt ca. 800 Höhenmeter geht es von der Scharte aus nach unten. Glücklicherweise ist der Weg sehr schön, weiter unten gesäumt von knallgelben Trollblumen und Feldern von schlüsselblumenartigen Gewächsen, die wir aber nicht identifizieren konnten. Der See 'Estany' de Monestero lädt zum Bade ein, ist aber so kalt, dass es ein kurzer Sprung wird und keiner es wagt, mit dem Kopf unterzutauchen. Am Ende läuft der Weg wieder über Kuh- und Pferdeweiden aus. Auch die Pferde haben Glocken um den Hals, Zeichen für ihr unabhängiges Leben auf den Weiden. Wir haben das letzte Etappenziel geschafft und sind ein bisschen fertig aber hoch zufrieden.
Menüfolge: Gemüsesuppe, Salatteller, Platte von gekochten Würsten in Gemüse, Wassermelone
 

8. Tag:  Rückreise
             Abstieg zum Startpunkt Parkplatz Prat de Pierró,
             Höhenmeter zu gehen: 36 über 4,2 km

Es gab auf der gesamten Tour weder Ausfälle, Verletzungen, Unregelmäßigkeiten oder Spannungen. Die Unterkünfte hatten durchwegs ein gutes bis sehr gutes Niveau, der abendliche Entspannungsschoppen war immer ausgezeichneter spanischer Rioja oder ein etwas leichteres Tempranillo-Cuvée. Die vielfältigen und großartigen landschaftlichen Eindrücke werden unser Bild von den Pyrenäen prägen. Rundherum war es eine anspruchsvolle, erlebnisreiche und gleichzeitig entspannte Tour: herzlichen Dank an Rudi und alle Teilnehmer.

Sonja Ross, 18.07.2019